Der Felsen am Ende der Alten Welt
El Hierro, die kleinste der kanarischen Inseln
Die Wilde, die Unbekannte, die Vergessene ....
Während man sich auf den großen Inseln mit dem Massentourismus abgefunden bzw. sich mit ihm arrangiert hat, geht die Pionierarbeit auf den kleinen westlichen Inseln verschiedene Wege.
La Gomera, vor 10 bis 15 Jahren noch als Geheimtip und die "Hippieinsel" gehandelt, wurde kürzlich von einer Zeitschrift mit "Sodom und Gomera" betitelt, was gar nicht so wirklichkeitsfremd ist. Der Alkohol ist billig, und Schlägereien sowie andere lokale Kleinkrimis sind an der Tagesordnung in Santiago oder im Valle Gran Rey, wohin sich der Hauptteil der schon längst nicht mehr nur aus Rucksacktouristen bestehenden Karawane orientiert.
Auf La Palma scheint die Situation bisweilen zu eskalieren. Man erntet von den Palmeros böse Blicke und wird manchmal nicht gerade freundlich empfangen und behandelt. An manchen Mauern findet man Aufschriften "alemanes fuera", Deutsche raus.
Nun, dies ist die logische Folge der maßlosen Geschäftspolitik internationaler Baukonsortien und auch dem Verhalten der Urlauber. Mögen diese Einflüsse anderswo in Spanien oder auf den Kanaren auf weit weniger Widerstand oder gar Zustimmung gestoßen sein, hier hat man die Rechnung ohne die Palmeros gemacht. Diese sind nämlich mächtig stolz auf sich und ihre Insel (und das mit Recht) und nicht gewillt, von ein paar dahergelaufenen "extranjeros" (Ausländern), ihr geliebtes Zuhause umgestalten oder zerstören zu lassen. Hier besiegt der Stolz offensichtlich noch die Macht des Geldes.
Auf El Hierro, mit 278 qkm und ca. 9000 Einwohnern die Kleinste der Kanaren, weiß man wohl um die Entwicklung der Nachbarinseln, nimmt alles jedoch sehr viel gelassener.
Die Herreños begegnen den "cabezas cuadradas" (Quadratköpfe) oder "guiris", wie sie die Deutschen nennen, eher mit einem mitleidigen Augenzwinkern und naiver Neugierde, als mit Ablehnung oder Mißtrauen.
Wie kann man sich nur freiwillig in der Mittagshitze in die Sonne legen? Ein Canario würde zu dieser Zeit nicht einmal seinen Hund aus dem Schatten jagen.
Und überhaupt, Alemania ist weit, weit weg. Die meisten haben eigentlich gar keine Vorstellung von diesem Land, außer daß es dort immer "mucho frio" (sehr kalt) ist. Die Deutschen sind in den Augen der Einheimischen sowieso sehr zu bedauern - sie müssen sich das ganze Jahr lang abrackern, um dann 2 oder 3 Wochen in Ferien fahren und die Sonne sehen zu dürfen, während sich die Herreños permanent im Zustand eines Art Dauerurlaubes befinden, ab und zu gewürzt mit etwas Arbeit. So sehen sie es jedenfalls selbst.
Die Menschen auf Hierro sind freundlich, immer zu einem Schwätzchen aufgelegt und dem Fremden gegenüber hilfsbereit. Man muß nur auf sie zugehen. Ein paar Brocken spanisch sind natürlich unerläßlich. Das ehrliche Bemühen des Besuchers, auch mit holpriger Grammatik, mit den Einheimischen in Kontakt zu treten, wird geschätzt und mit Freude registriert.
Ein paar Worte, ein kleiner Scherz auf spanisch, und schon ist man mittendrin, wird mit Fragen und Auskünften überhäuft und ist nicht mehr allein in der Bar oder auf der Plaza.
Aufrichtiges Interesse an der Faszination, den großen und kleinen Naturwundern, welche die Insel bereithält, wird reichlich mit Information belohnt.
Die Auskunftsbereitschaft geht manchmal so weit, daß auch jemand helfen will, der selbst nicht genau Bescheid weiß und einen sonstwohin schickt. Es empfiehlt sich immer, 2 mal zu fragen. Auch mit Zeit- und Wegangaben nimmt man es nicht so genau; ‘nicht weit’ können 100 m, aber auch 5 km sein.
Vorsicht auch beim Unterschätzen vermeintlicher ‘Hinterwäldler’. Viele Herreños, gerade die etwas Betagteren, haben 15 oder mehr Jahre in Südamerika verbracht, dort erfolgreich Restaurants oder Geschäfte geführt und genügend Lebenserfahrung gesammelt. Sie sehen jedoch in ihrer typischen Bescheidenheit keine Veranlassung, dies jedem auf die Nase zu binden.
Findet eine Hochzeitsfeier oder eines der zahlreichen Inselfeste statt (man tut sich keinen Zwang an und jede Gelegenheit zum Feiern wird wahrgenommen), sieht man sich unversehens und mit einer herzlichen Selbstverständlichkeit integriert, wird reich bewirtet und die allgemeine Unkompliziertheit macht es leicht, ins Gespräch zu kommen und neue Bekannte und Freunde zu gewinnen.
Das wichtigste Inselfest, die "bajada de la virgen de los reyes" wird nur alle 4 Jahre begangen, jedoch sind auch die alljährlichen Fiestas ein Erlebnis, wie die "fiesta de carmen",
das Fischerfest, die "apañada", das Hirtenfest, "la paz" oder "san juan". Sylvester ist auch eine Riesengaudi, die 2 Tage dauert und Partys in Cannes oder St. Tropez vergessen läßt.
Discorummel gibt es nicht, jedoch in den kleinen Bars und speziell in den Fischerkneipen in La Restinga im Süden der Insel ist zuweilen bis morgens der Teufel los.
La Restinga wird gerne von auf Atlantiktörn befindlichen Segelyachten angelaufen, weil die Skipper die vergleichsweise niedrigen Liegegebühren schätzen. Ist dann so eine internationale Truppe beisammen, meist Briten und Franzosen, gemischt mit Deutschen und meist jüngeren Einheimischen, geht es in Pedros Bar (mittlerweile Bar Bahia) oder sonstwo hoch her. Es wird erzählt, gequasselt, gesungen, geschimpft, politisiert, geflirtet, manchmal geweint und - viel getrunken.
Trinkfest sollte man schon sein, denn es ist immer wieder schwer, sich loszureißen. Man lernt interessante Menschen kennen, darunter viele in der ganzen Welt herumgekommene, die wieder und wieder hierher zurückkehren, weil diese Insel sie mit ihrem herben Charme in ihren Bann gezogen hat.
Die momentan noch bestehende Unbefangenheit und Gastfreundschaft der Herreños beruht einzig und allein darauf, daß die ausländischen Urlauber bisher in so geringer Anzahl auftraten, daß sie keinen Schaden anrichten und das empfindliche Gleichgewicht stören konnten. Sie hatten sich den insularen Eigentümlichkeiten und Sitten anzupassen.
Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die jeder Reisende in seinem Gastland beherzigen sollte. Respektiert wird sie andernorts kaum noch.
Die Meinung der Einheimischen auf Teneriffa ist deutlich: die deutschen Frauen sind "putas" (Huren) und die Männer Schlappschwänze, die mit dem Geld protzen und sich dumm aufführen, wenn sie betrunken sind. Sollte eines Tages, den ich nicht herbeiwünsche auf Hierro die selbe Auffassung herrschen, liegt es bestimmt nicht an den Herreños.
Die ersten bedenklichen Vorgänge gibt es bereits. Spontan fallen mir dazu die "los letreros de el julan" ein, Felsinschriften der Guanchen. Ein Ort mit faszinierenden Kultstätten, gelegen in ca. 700 m Höhe an der Südküste gelegen, idyllisch und mystisch zugleich und von unschätzbarem Wert für die frühzeitliche Forschung.
Als ich vor vielen Jahren das erste mal dort oben war, saß ich stundenlang und ließ die ergreifende Stimmung auf mich wirken. Ich begriff, warum die Bimbaches (Guanchen) gerade diesen Ort gewählt hatten. Es ist einer von etwa einem halben Dutzend auf dieser verrückten Insel, die alles irdische ganz unbedeutend scheinen oder gar vergessen lassen.
Heute ist das Gebiet abgesperrt und man bekommt nur mit Genehmigung der Inselbehörden Zutritt. Der Grund: einige "Kunstliebhaber" kamen auf die Idee, den Fels und die Lavastränge mit Hammer und Meißel zu traktieren und sich ein paar Letreros als Souvenir mit nach Hause zu nehmen, so daß heute nur noch ein Teil erhalten ist. Gewiß waren auch viele Festlandspanier dabei, aber im Empfinden der Leute bleiben doch die Deutschen die bösen Buben.
Auf El Hierro ist es ungeschriebens Gesetz, daß Tramper mitgenommen werden, selbst wenn das Auto schon voll besetzt ist. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob der Mensch am Straßenrand Fremder oder Einheimischer ist.
Die Straßen sind teilweise so wenig befahren, daß stundenlang kein Wagen kommt und diese Sitte ist weiterer Ausdruck des Zusammengehörigkeitsgefühls auf dieser Insel, in welches jeder einbezogen wird.
Wenn dann ein "guiri", bewaffnet mit Sonnenbrille und Kamera, in seinem Mietwagen an trampenden Herreños vorbeirast, ist, man sollte es kaum glauben, nicht Ärger oder Wut, sondern schlichtes Unverständnis, ein fassungsloser Blick die Folge. Ich wundere mich oft über die Geduld und Toleranz dieser Menschen. Wie lange wird man sie wohl noch strapazieren können?
Früher hat auf Hierro so gut wie niemand Land verkauft; viele Fincabesitzer leben ohnehin auf den großen Inseln oder in Venezuela, wohin zahlreiche Insulaner Mitte dieses Jahrhunderts auswanderten.
Doch auch hier setzen sporadisch Entwicklungen ein, die noch vor ein paar Jahren undenkbar waren. Der Nachbar hat beim Verkauf seiner Finca von einem Ausländer einen guten Preis erzielt, also warum nicht selbst auch ein wertlos erscheinendes Stück Land verkaufen?
Der Nachbar hat sein Häuschen um eine Etage aufgestockt und vermietet nun das Appartement für gutes Geld an Touristen und später bekommt es eines der Kinder. Na klar, machen wir auch! So kommt es, daß speziell in La Restinga viele Wohnungen leerstehen und trotzdem das Überangebot sich kaum auf das Preisgefüge auswirkt. Hier wirkt die ansonsten durch jahrzehtelange Familienfehden teilweise zerstrittene Dorfgemeinschaft wie ein Kartell, und wehe, einer kommt mit Dumpingangeboten. Sollte man einen wirklichen Preisnachlaß erhalten haben, empfiehlt es sich, in der Öffentlichkeit kein Wort darüber zu verlieren, um den Vermieter nicht in Verruf zu bringen.
Auch ist gerade in Restinga eine wahre Eröffnungswut von Lokalen zu beobachten. Stand 1996: neben 4 Restaurants (El Ancla, Refugio, Casa Juan und Casa Kai Marino) existieren noch 5 weitere Bars (Bar Avenida, Bahia, Tasca La Laja, Principal und Zumeria). Und dies in einem Dorf mit 350 Einwohnern. Wenn man ortsbekannt ist, hat man schon ein schlechtes Gewissen, dort und nicht bei der vermeintlichen Konkurrenz einzukehren - die Wahl fällt zuweilen schwer. Selbst in San Andres, dem am höchsten gelegenen Dorf der Insel haben jüngst 2 neue Bars aufgemacht.
Und: die Insel hat ihre erste Ampel. Sie regelt den Verkehr durch den neuen Tunnel zum staatlichen Parador in Las Playas an der Ostseite der Insel.
Reiseveranstalter haben schon seit einiger Zeit ein bescheidenes Hierro-Angebot im Programm und quartieren ihre Pauschalreisenden vornehmlich in der Golfo-Region ein, einer landschaftlich reizvollen 15 km weiten Bucht, die von über 1000 m hohen, teils bewaldeten Felswänden gesäumt wird. Der Golfo ist Teil eines ehemaligen Vulkankraters und landwirtschaftlich gesehen die Speisekammer der Insel, denn hier wird vom Wein (sehr gut) bis zu Bananen und Orangen so ziemlich alles angebaut.
Dort, im Hotelrestaurant Punta Grande (laut Guiness das kleinste Hotel der Welt), welches interessant auf Felsen im Meer exponiert liegt, traf ich zwei deutsche Pärchen, die sehnsüchtig darauf warteten, daß ihre 2 Wochen Vollpension bald vorüber sein werden. Nirgends kann man baden oder mal "nett ausgehen", keiner versteht einen, wo kriegt man nur einen Mietwagen her, und, immer an der Hotelbar sitzen ist ja auch nicht das Wahre.
Wem sagt ihr das?!
Man kann viel auf Hierro, man muß nur wollen. Nun, El Hierro ist nun mal kein Ort für Leute, denen man alles vorkauen und in den Mund schieben muß. Hierro ist eine wilde und harte Insel, deshalb heißt sie ja so - Hierro oder Ferro, das Eisen.
Hierro ist eine absolute Felseninsel mit oft mehreren hundert Meter aufsteigenden Steilküsten. Schöne und interessante Plätze gibt’s in Hülle und Fülle, aber flach abfallenden Sandstrände und Badebuchten - Fehlanzeige. Es existieren sehr wohl abgelegene Felswasserbecken (Charcos) und Badestrände, einer davon sogar an die 50 m breit.
Wer sie wirklich finden will, wird sie auch aufspüren, denn Fragen kostet auf Hierro wie gesagt (noch) nichts.
Das Bewußtsein, diese Fleckchen Erde selbst entdeckt zu haben, wird den Genuß ihrer Stille und Schönheit nur größer machen.
El Hierro ist eine Herausforderung und gibt sich nicht jedem gleich hin, Hierro will erobert werden. Die Insel glänzt nicht durch Schönheit, sie ist auf geheimnisvolle Art interessant, bizarr und unheimlich, zuweilen in Nebel und Wolken verhüllt, um in nächsten Augenblick dem geduldigen Beobachter im hellsten Sonnenschein seine ganze Anmut zu entfalten.
Das Meer rund um die Insel hat den gleichen Charakter. Stundenlang liegt es sanft im Sonnenschein, züngelt dann und wann mal mit ein paar Wogen an die Felsenküste, um sich plötzlich zu meterhohen Wellen aufzutürmen und dem Betrachter die Gischt wie Ohrfeigen ins Gesicht schlagen zu lassen, als ob die Natur an sich und ihre Macht erinnern wollte.
Nicht selten fühlt man sich allein, eins mit der Natur oder dem Universum, erfüllt von Erkenntnissen und Erleuchtungen, Sekunden später geschüttelt von Zweifeln, und für Augenblicke - Gott nahe.
Die Insel steckt voller Gegensätze und Widersprüchlichkeiten und man wird auf eigenartige Weise sehr stark mit sich selbst konfrontiert.
Der Besucher begibt sich letztlich inmitten ungezügelter Landschaft auf eine Reise nach innen und kommt am Ende zu sich selbst.
El Hierro ist ein besonderer Ort für besondere Leute. Wer nicht vom Reiz dieser Insel eingefangen wird, wird dies rasch erkennen und nach wenigen Tagen kehrtmachen.
Es gibt woanders kaum auf derart kleinem Raum so viele verschiedene Landschaftsstrukturen zu sehen. Die Höhenunterschiede und somit die Vielfalt der Landschaftsbilder und der Flora sind gewaltig.
Fährt man bespielsweise vom Südzipfel der Insel durch die mit Kakteen und Wolfsmilchgewächsen durchsetzte Landschaft nordwärts ins nächste Dorf El Pinar, so befindet man sich unversehens in 900 m Höhe und buchstäblich in den hier tiefhängenden Passatwolken.
Nebelschwaden huschen über die Straße, es ist spürbar kühler und das satte Grün der Wiesen vermittelt den Eindruck, man befände sich irgendwo in Schottland und nicht auf gleicher Höhe zu Marokko.
In El Pinar hat fast jeder Rheuma und viele, vor allem die Älteren, tragen einen Kupferreif am Handgelenk - man schwört drauf.
Weiter geht’s durch den Kiefern- und Zedernwald, der dem Dorf seinen Namen gab, ein wahrhaftiger Märchenwald, der zum Golfo hin in Lorbeer, Eukalyptus und Baumheide übergeht.
Es erübrigt sich hervorzuheben, daß diese Gegend wie generell die gesamte Insel ein wunderbares Terrain für Wanderfreunde bietet, wobei besonders die Eselspfade an den Steilhängen eine besondere, aber nicht ungefährliche Herausforderung darstellen. Vorsicht sei auch geboten vor Steinschlag und der teilweise haarsträubenden Zeitkalkulation in manchen Wanderbüchern. Nicht selten hat den Ortsunkundigen die Dunkelheit eingeholt, während dieser noch in der Dehesa im Westen oder irgendwo unterhalb des Malpaso befand.
Von den vielfach sehr schön angelegten Miradores (Aussichtspunkte) bietet sich ein gigantischer Blick auf tiefere Regionen und das Meer. Bei gutem Wetter sind die Nachbarinseln La Palma und La Gomera und auch der Pico de Teide auf Tenerife zu sehen.
Die höchste Erhebung ist der Malpaso mit 1500 m. Eine beachtliche Höhe in Anbetracht der größten Meerestiefen zwischen hier, La Palma und Gomera, die bei 3500 m liegen.
Die Vulkangebirge setzen sich auch unter Wasser fort und bieten einer vielfältigen Unterwasserwelt Lebensraum, zumal das biologische Gleichgewicht noch völlig in Ordnung ist.
Tauchsportler kommen voll auf ihre Kosten. Man sieht jede Menge Zackenbarsche, Papageienfische, Muränen, Barakkudas, Galane, Drückerfische, Kraken. Gelegentlich begegnen einem Rochen, Seeschildkröten und Haie. Letztere sind jedoch infolge des Fischreichtums meist satt und zeigen kaum Interesse an Tauchern.
Tauchbasen existieren mit wechselnden Besitzern in La Restinga, im Golfo (Submarino) und in Tijimiraque an der Ostseite.
Man kann die Insel prinzipiell in 3 Zonen einteilen:
Den Süden mit El Pinar und Restinga, wo Fischfang und bescheidener Fremdenverkehr die Haupteinnahmequellen sind. Hierzu gehört auch die ganze Südküste bis zum Faro de Orchillas, einst letzter Petroleum-betriebener Leuchtturm Europas, westlichster Punkt des kanarischen Archipels und - der Alten Welt. Der Nullmeridian, der heute durch Greenwich verläuft, ging bis 1884 durch den Punta de Orchillas. Ein Relikt aus dem Mittelalter, denn vor der Entdeckung Amerikas war hier das offizielle Ende der Welt und am westlichen Horizont begann das Reich der Finsternis.
Bei seiner 2. Fahrt weilte Columbus auch einige Tage in der Bahia de Naos an der Südküste von Hierro. Die erste Tour ging bekanntlich über La Gomera.
Im Nordwesten liegt die bereits erwähnte Region El Golfo mit den Gemeinden Frontera, Tigaday und Sabinosa, dem westlichsten Dorf Europas.
Die dritte Zone umfaßt den Norden und Osten mit dem Hauptort Valverde (ca. 1800 Ew.), der eine ganz eigene Atmosphäre besitzt. Im Norden liegt auch der Inselflugplatz (mit täglicher Anbindung an Tenerife) und der Hafen La Estaca, von wo aus Fährverbindungen zu den Nachbarinseln bestehen.
Im Osten liegt das luxuriöse Parador der staatl. span. Hotelkette, welches eigentlich das ganze Jahr über relativ leer steht. Empfehlenswert nach einer durchzechten Nacht in Valverde, denn im Parador kann man bei reichhaltigem Frühstücksbüffet den Sonnenaufgang beobachten und kann sich zuvorkommender Bedienung gewiß sein, man ist mit Sicherheit allein.
Außer den bereits genannten Aktivitäten gibt es wahrhaftig viele Möglichkeiten, sich auf Hierro die Zeit zu vertreiben und etwas zu erleben.
Wer es nicht so mit dem Wandern hat, kann sich auch mit dem Mietauto fortbewegen und sehenswerte Orte erreichen, so z.B. den Pozo de Salud, eine schwach radioaktive Schwefelheilquelle unterhalb von Sabinosa im Golfo, ferner diverse Guanchenfriedhöfe und -kultstätten, die hunderte von Jahren alten Sabinabäume in der Dehesa im Westen und vereinzelte Drachenbäume im Norden.
Es gibt eine Vielzahl von Höhlen. Die größte, die Cueva Don Justo, hat Gänge in einer Gesamtlänge von 30 km und ist immer noch nicht ganz erforscht. Nennenswert sind die schon erwähnten "Los Letreros", der Wunderbaum "Garoe" sowie die Rieseneidechsen "Lagartos Gigantes", die man von den im Golfo vorgelagerten Roques de Salmor in die darüberliegende Felswand "Risco de Tibataje" verbannen mußte, da ihnen "Tierfreunde" zu sehr auf die Pelle rückten. Diese Art wird über 1 m lang und ist einzigartig auf der Welt.
Hat man Glück und die Freundschaft eines Fischers erworben, nimmt er einen sicher mal mit, ein unvergeßliches Erlebnis, besonders wenn die Jagd auf Peto (Wahoo) oder Schwertfisch geht.
Angler werden ihre wahre Freude haben. Von weniger hohen Felsen fängt man vor allem "viejas" (Papageienfisch, der Speisefisch auf den Kanaren schlechthin), "gallos" (Drückerfisch), "abade" (Kabeljau) oder "aguja" (Hornhecht).
Drachenflieger und Paraglider nutzen die steilen Hänge und auch zum Mountainbiking lädt die Insel ein.
Keinesfalls versäumen sollte man insulare Fußballspiele, die samstags oder sonntags stattfinden, denn es gibt mehr Tore, rote Karten und brillante Aktionen zu sehen, als an einem kompletten Bundesligaspieltag. Finden sich genügend Deutsche zusammen, gibt’s auch mal ein "Länderspiel". Auch finden zu diversen Feierlichkeiten Spiele innerhalb eines Dorfes (verheiratete gegen Junggesellen) statt.
Volkssport Nr. 1 ist allerdings die "Lucha Canaria", der kanarische Ringkampf, der nach strengen Regeln ausgefochten wird und technisch den keltischen Kampfarten zuzuordnen ist. El Hierro ist die Heimat eines der Idole dieses Sports, nämlich Francis Perez Perequin, genannt "El Pollito". Francis hat in seinen jungen Jahren durch seine ungeheuere Kraft wie auch sein bescheidenes Wesen eine Beliebtheit erlangt, die beachtenswert ist.
Sein Vorbild ist Ramon Mendez, der, auch von Hierro stammend, vor 100 Jahren der Champ auf den Inseln war.
Viele liebe und interessante Menschen leben hier, einige werden mir auf immer unvergeßlich bleiben:
Don José Machin, der Inselchronist. Er kann wahrhaft abendfüllende Geschichten und Legenden erzählen erzählen, so z.B. über den sagenhaften "arbol santo", den wasserspendenden Wunderbaum, der 1610 durch einen Wirbelsturm vernichtet wurde, oder über die Zauberinsel San Borondón, die hier einmal im Jahrhundert auftaucht und auf antiken Seekarten gar als real existierend verzeichnet ist.
Eloy, ein kleines, sympathisches, bauernschlaues Männchen aus El Pinar, der Inselkünstler, das kulturelle Gewissen der Insel. Ob Denkmäler, Holzschnitzereien, Hirtentaschen oder Hängematten, Eloy macht alles.
Aurelio Abreu Hernandez, der älteste noch aktive Fischer in La Restinga, ein durch und durch liebenswerter Mensch, der sich über die kleinsten Dinge im Leben freuen kann. Wegen seiner Taubstummheit ist er die Kontaktperson vor allem zu jüngeren Newcomern und Touristen.
Sein Auftreten und seine Tricks, die er immer wieder gerne vorführt, sind ein allseits beliebtes Spektakel. Nun, er ist auch in die Jahre gekommen und nicht mehr so fidel wie früher, aber ein nicht wegzudenkendes Original, ebenso wie sein Schwager Miguel.
Im Übrigen bin ich stolz darauf, Pate seiner Enkelin Tatiana zu sein - nach spanischem Recht sind wir somit verwandt.
Agustin, Schreiner aus Isora. Ein feiner Mensch, der viel von der Welt gesehen hat. Leider mußte er viel zu früh sterben.
Juan "viejito" oder "padre de eterno" aus Puerto de Estaca. Ein Mann, vor dem ich größten Respekt habe. Gentleman und Zampano zugleich und sehr viel in der Welt herumgekommen.
Eine Handvoll Ausländer, meist Deutsche, lebt auf El Hierro, allesamt ein arbeitsames und fleißiges Völkchen und ich weiß nicht, ob man sie als Aussteiger bezeichnen sollte. Eher Einsteiger. Einsteiger in ein Leben, welches vielfach härter und bescheidener ist, als das in Deutschland. Um von den Herreños akzeptiert zu werden, muß man schon mehr als 100% Leistung bringen und ich kenne etliche, die hier bitterböse Schiffbruch erlitten haben.
Es ist 7 Uhr abends. Hatte Glück gehabt und vom Felsen 2 Muränen gefangen, das Abendessen ist also gesichert. Meine Frau Karin verdreht die Augen, sie mag die Viecher nicht besonders. Warum nur? Muränen sind eine Delikatesse, schmecken ähnlich wie Aal.
Mit Eloy schlendere ich die Avenida am Fischerhafen von Restinga entlang. Dort sitzen alle meine Fischerkumpels: Aurelio, Luis, Umberto, Pancho, Piloto, Antonio, Arnaldo und wie sie alle heißen.
"¿ Franco, quando te vas ?". Wann wir wieder nach Deutschland zurück müssen ? Nein, ich werde es Euch nicht auf die Nase binden, daß es schon morgen früh sein wird. Ich hasse Abschiedsszenen und deshalb wissen außer meiner Frau nur sehr wenige Bescheid und ich habe sie zum Schweigen verpflichtet.
Eloy sieht zum Himmel auf. Er muß noch nach El Pinar und denkt wohl daran, daß es dort oben schon wieder mächtig kühl sein wird.
Er sieht mich an und gibt mir die Hand zum Abschied. Weiß er es ? Egal, wir werden uns wiedersehen und die Freude wird groß sein.
Ich werde mich im Morgengrauen davonschleichen, um mir nicht unnötig weh zu tun, zu sehr hänge ich an meinem Inselchen.
Ich wünsche mir nur eines: daß ich es wieder so vorfinde, wie ich es verlassen habe.
Frank Echtermeier (Franco aleman), im Februar 1989 (etwas aktualisiert Herbst 1996)
Es wurde bewußt auf Nennung von Unterkünften, Restaurants und dgl. verzichtet, da sich die Gegebenheiten zu rasch ändern und es keinen Sinn macht, Fakten aufzulisten, die schon nach kurzer Zeit nicht mehr aktuell sind.
Auch beim Lesen der empfohlenen Lit. sollte man sich bewußt sein, daß insbesondere Preisangaben mit Vorsicht zu genießen sind.
Auf spezielle Fragen antworten wir gerne, wenn Sie uns eine eMail senden (canconsult@aol.com).
Ferner weisen wir auf unseren Video "El Hierro - una isla a su manera" hin, der als 2-stündige spanische und 1-stündige deutsche Version bei uns für je DM 20, erhältlich ist.
Statten Sie auch unserer Homepage einen Besuch ab. Es finden sich dort viele Infos und Querverweise zum Thema "kanarische Inseln":
http://members.aol.com/canconsult/
Empfehlenswerte Literatur:
Klaus Stromer, "La Gomera + El Hierro selbst entdecken", Regenbogen-Verlag
Collectivo Raiz, "El Hierro Schritt für Schritt", Geo-Center Stuttgart (besonders f. Wanderer)
Michael Fleck "El Hierro, die vergessene Insel", Grüne Inseln Verlag
Das ausführlichste Werk mit wunderbarer Beschreibung von Geschichte, Flora und Fauna
Auch aus der Reihe von DuMont gibt es relativ aussagefähige Taschenbücher
bitte haben Sie Verständnis, daß dieser Bericht keine Fotos hat. Er lag eigentlich nur als Word-Dokument
vor, den wir durch die html-codes "verfeinert" haben.
Martin Steinherr
Sie haben einen tollen Reisebericht?!? Den würden wir gerne aufnehmen.
Schreiben Sie uns doch eine kurze
Mail!